Bauen oder nicht bauen? Nachhaltigkeitsdiskurse zwischen wachstumsorientierten „Ökomärkten“ und regulativer „Suffizienz“ in der deutschen Wärmewende (Sagvosdkin et al., 2026)

Valentin Sagvosdkin, Lukas Bäuerle, Josephine Semb, Barbara Praetorius

Narrative spielen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung von Nachhaltigkeitsübergängen. Die Novellierung des deutschen Gebäudeenergiegesetzes (Gebäudeenergiegesetz) im Jahr 2023, die strengere Emissionsvorschriften für Heizgeräte zum Ziel hat, ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür: Die ursprüngliche Fassung wurde nach einer starken Gegenkampagne konservativer und rechter politischer Akteure abgeschwächt. In Mediendebatten wurden Fehlinformationen und populistische Narrative über „die vom GEG betroffenen Menschen” und eine „grüne Elite” verwendet, um die Novelle zu delegitimieren. Es bleibt jedoch unklar, ob die betroffenen Interessengruppen diese Narrative teilen und wie ihre Visionen von Nachhaltigkeit im Bereich Heizung und Wohnungsbau aussehen. Wir haben halbstrukturierte Interviews durchgeführt, um Einblicke von 23 Fachleuten aus sechs wichtigen Interessengruppen zu gewinnen, die von der GEG betroffen sind. Die Inhalts- und Narrativanalyse zeigt, dass Nachhaltigkeit als solche nicht direkt in Frage gestellt wird. Stattdessen zeichnen sich zwei unterschiedliche Narrative ab: Erstens ein Narrativ der nachhaltigen Märkte, das vor allem von unternehmerischen Akteuren vertreten wird und die Notwendigkeit von Neubauten, Innovation durch Märkte, Ökoeffizienz und marktkompatiblen Politiken betont. Zweitens gibt es eine vorwiegend von Nichtregierungsorganisationen und Verwaltungsakteuren unterstützte Suffizienz-Erzählung, die sich auf einen Policy-Mix stützt, ein Überdenken der Eigentumsstrukturen in Betracht zieht und der Umnutzung bestehender Gebäude Vorrang vor Neubauten einräumt. Diese Erzählung ist jedoch weitaus weniger verbreitet und es mangelt ihr an positiven Leitbildern. Um politische Vorschläge auf einem Spektrum von schwacher bis starker Suffizienz zu positionieren, haben wir uns auf die Energy Sufficiency Policy Database bezogen. Wir stellen fest, dass unter den Interessengruppen Einigkeit über schwache Ansätze wie seniorenfreundliches Wohngemeinschaftsleben oder Energieberatung herrscht. Regulierungsmaßnahmen wie Mietobergrenzen fehlen, was auf eine bemerkenswerte Kluft zwischen Wissenschaft und Interessengruppen hinsichtlich stärkerer Suffizienz-Vorschläge hindeutet.

Erschienen in: Energy Research & Social Science, Volume 131.

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